Der Altarteppich in der Schildower Kirche

Die Schildower Kirche hat sich in den vergangenen Jahren baulich gemausert. Nicht nur von außen wurde sie wind- und wetterfest gemacht, auch im Innenraum hat sich manches verändert. Zu nennen sind die Restaurierung der Sauer-Orgel im Jahr 2009, die Instandsetzung und Erneuerung der Elektrik (nun unter Putz!), die Neuverlegung der Heizrohre, die Restaurierung des Kronleuchters 2017  – dessen Abnehmen und Anbringen eine logistische Meisterleistung von den Gemeindeältesten Jörg Becker und Christian Knaak waren –,  sowie die Neugestaltung der Lichtanlage mit einem auf unterschiedliche Bedürfnisse anzupassenden Beleuchtungswechsel. Auch die Wände der Kirche erhielten einen frischen Anstrich und im Altarraum wurde zusammen mit der Denkmalpflege die ursprüngliche Bemalung um die Fenster weitestgehend freigelegt. Das zur Erstausstattung der neuerrichteten Kirche im Jahr 1897 gehörende Antependium mit der Darstellung des Gotteslamms wurde im Jahr 2009 in einem Altarfach in einem schlechten Zustand aufgefunden. Die golddurchwirkten Applikationen und Stickereien dieses Altarbehanges wurden aufwendig von Ursula Maria Kirsch gesichert und feinsäuberlich wieder angenäht. Sie war es auch, die für den Altar die weißen, feinen Decken mit Stickereien gefertigt hat.

Bei all diesen Veränderungen auf und um den Altar herum, blieb der alte, aus undefinierbaren Brauntönen gemusterte Läufer auf dem Altarpodest liegen. Ein Hingucker war er nicht. Als lang währendes Provisorium diente er wohl dazu, das Geräusch abzumildern, wenn der Pfarrer oder die Pfarrerin das hölzerne Podest betrat. Daher entstand seitens der Kirchenältesten der Wunsch, einen würdigen Ersatz zu suchen.
Es war im ersten Corona-Jahr, als Markus Rottmann Kontakt zu der jungen Textildesignerin Judith Gebhardt aufnahm und um Entwürfe sowie das Angebot zur Realisierung eines Teppichersatzes bat. Es ging ihm vor allem auch darum, in diesen schwierigen Coronazeiten, in denen die Auftragslage gerade für junge Künstler wegbrach, wenigstens ein wenig Unterstützung zu geben.
Judith Gebhardt hatte in Hof (Münchberg) sowie Santiago de Chile Textil- und Flächendesign studiert und 2018 mit dem Master of Arts an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin abgeschlossen. In ihrer bisherigen Arbeit waren Teppiche entstanden, die klassisch gewebt oder in der Tuftingtechnologie hergestellt wurden.
Nach einer Besichtigung der Kirche im Frühjahr 2020 lieferte sie erste Entwürfe. Die von ihr gefundene Form, ein leichter Spitzgiebel, dessen Spitze in den Kirchenraum zeigt, leitet sich aus den architektonischen Formen der Kirchenfenster und der Gewölbeformen in der Apsis und im Kirchenschiff ab. Er steht auf einem anders farbigen Grunde. Die Idee zu dieser Formgebung war so einfach, wie überzeugend; die Findung der Farbwahl aber umso schwieriger. Denn die Kirche ist, vor allem auf den zweiten Blick, in vielen Details sehr farbig. Nach verschiedenen Farbvarianten und Farbproben kristallisierte sich für die Form des Spitzgiebels ein helles Grün auf einem Orange heraus. Beide Farben lassen sich in den farbigen Bleiglasfenstern finden. Abstrahierend kann hier auch der weitere Text des Psalms 23 ergänzt werden, dessen erste Zeilen in der Apsis nach der Restaurierung wieder zum Vorschein kamen: „[...] er weidet mich auf einer grünen Aue [...].“
Die Farbgebung ist sicherlich zunächst etwas ungewöhnlich, aber lenkt den Blick des Besuchers nun noch mehr auf das eigentliche Zentrum des Kirchenraums – den Altar, dem sichtbarsten Ort der Anwesendheit Gottes. Auf ihm steht das Kruzifix, das Evangeliar, und zu den Abendmahlsfeiern Brot und Wein. Vor ihm werden alle liturgischen Handlungen während des Gottesdienstes vom Pfarrer oder der Pfarrerin vollzogen. Hierzu gehören die Einsetzungsworte vor dem gemeinsamen Abendmahl, das Sprechen des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsers und abschließend der Segen an die Gemeinde.

Der Entwurf für den Teppich wurde von Judith Gebhardt selbst in der Tuftingtechnologie umgesetzt, einer alten Knüpftechnik, bei der ein dichter Faden in ein Trägermaterial genäht, und dann die aus dem Träger herausstehenden Fadenschlingen durchschnitten werden, so dass die durchtrennten Garnbüschel eine samtige Oberfläche bilden. Die Wahl des Materials und die Dichte der eingenähten Fäden bestimmen das samtige Erscheinungsbild des Teppichs. Der Schildower Teppich ist aus Schafwollgarn sehr dicht getuftet und wirkt haptisch und warm. Beim Betreten sinkt man leicht ein, steht aber dann auf festem Grund. Auch unser Pfarrer Bernhard Hasse verriet, nachdem am Ostersonntag 2021 der Teppich zum ersten Mal auf dem Podest lag, dass er sich auf diesem sehr wohl gefühlt hätte und nun häufiger direkt am Altar stehen würde, was er zuvor wohl unbewusst etwas vermieden hatte.

Susanna Köller

 

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